"Du bist wie mein Bruder für mich ..."

"... der viel zu früh gestorben ist." - es ist nun mittlerweile über vier Jahre her, als eine alte Frau diesen Satz zu mir sagte und das mit einem so eindringlichen, berührenden Blick, den ich mein Leben lang nicht vergessen werden. Ich werde auch diese Frau und die unglaubliche Begegnung mit Ihr niemals vergessen – war es doch auch für mich einer der einschneidendsten Momente in meinen Leben und eine extreme schauspielerische Erfahrung noch dazu. 

 

Es war Eva Schloss - die Stiefschwester von Anne Frank - mit der ich an jenem Herbsttag im Oktober zusammen mit ihrem Mann Zvi und einer damaligen Kollegin vor der Frauenkirche in Dresden stand. Sie war überwältigt vom schönen Stadtbild, musste sie doch selbst damals mit ansehen, wie zahlreiche Städte dem Erdboden gleich gemacht wurden.  

 

Heinz Geiringer – das war ihr großer Bruder. Der Bruder mit den Händen eines Pianisten. Der Bruder der sich, in der Zeit des Versteckens und Angst von den Nazis entdeckt zu werden, als wunderbarer Maler herausstellte. Heinz liebte die Kunst und das Leben und wurde dennoch nur 17 Jahre alt. Er starb wie der Vater in der Hölle von Auschwitz.

 

Und genau diesen Bruder spielte ich zu jener Zeit als Eva zu Besuch in Deutschland war, um unser Theaterstück zu begleiten und das Auftritt für Auftritt. Und sie gab sich nicht etwa nur vor und nach der Inszenierung zu erkennen – nein, sie saß im Publikum und war selbst Zuschauer ihres eigenen Lebens, ihrer schweren Vergangenheit. In den vielen Gesprächen mit uns und dem Publikum, aber auch privat und abseits der Bühne, ließ Eva uns an ihrer unglaublichen Geschichte, ihrem Kampf ums Überleben, ihrer Gedankenwelt und dem Weitermachen nach all dem Erlebten, teilhaben.

 

Es war für mich und meine Kollegen damals ein so intensives Erlebnis, sowohl auf als auch neben der Bühne. Sich nur einmal für einen kurzen Moment vorzustellen, was es heißt den sterbenden Bruder auf der Bühne zu spielen mit der Gewissheit das die echte Schwester, eine Überlebende dieses schrecklichen Wahnsinns von damals, direkt vor einem in der Dunkelheit sitzt und nur das grelle Licht der Scheinwerfer einem die direkte Sicht zu Ihr nahm – es läuft mir heute noch ein Schauer über den Rücken. 

 

Eva Schloss hat es sich viele Jahre später zur Aufgabe gemacht Ihre Geschichte allen Menschen, vor allem den Jüngeren der heutigen Zeit, zu erzählen und näher zu bringen. Dabei verfolgt sie bis heute die wichtige Botschaft: wir dürfen niemals vergessen! Und es ist angesichts unserer Gegenwart und Gesellschaft, die wie es scheint immer mehr aus den Fugen gerät, eine Botschaft der sich jeder annehmen und bewusst werden sollte. Denn es liegt in unserer Hand ob sich die Geschichte immer und immer wieder wiederholt. Und es ist zu leicht, für viele sicher auch bequem, einfach zu sagen, ich kann nichts ausrichten oder die Schuld liegt bei jemand Anderem – nein, dem ist nicht so.

 

Eva hat mir in meinen jungen Jahren schnell deutlich gemacht, dass Zeit nie alle Wunden des Lebens heilt. Aber sie gibt uns die Chance nach und nach mit dem Geschehen zu leben und besser damit umzugehen. Die Chance eine noch stärkere Persönlichkeit zu werden und nicht der Schwermütigkeit und Verbitterung anheimzufallen. Eben eine Persönlichkeit wie es Eva Schloss ist, die als eine der wenigen noch lebenden Überlebenden den Mut, die Stärke und den Willen nach außen trägt, nur um zu sagen: vergesst niemals! 

 

 


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