Gedankenflug  - (Reise zu mir selbst ...)

 

Es dämmert bereits draußen, während ich aus dem Fenster des Busses schaue, der mich gerade zurück nach Hause bringt. Stand ich vor wenigen Stunden noch auf der Bühne und vor der Kamera, heißt es nun wieder warten bis zum nächsten Auftritt. Warten und dabei Geld verdienen in einem Job, der ohne jegliche Bedeutung für mich ist. Und das nur, um irgendwie über die Runden zu kommen. 

 

Das soll jetzt keine Beschwerde über meine Leben werden - keineswegs! Es ist mein Weg und ein jeder von uns muss sehen, wie er zurechtkommt. So ist es nun mal. Ich bin ehrlich dankbar für dieses Jahr, für die Chance wieder spielen zu können und meiner Berufung nachzugehen. Ich liebe das Spielen, ich kann immer spielen. Und ich liebe das Schreiben  Ich schreibe anders, als ich es jetzt tue. 

Wenn es nicht um mich geht steckt soviel Herzblut in den Geschichten. Es ist lebendiger, weiter und berührender. Dankbar bin ich auch für all die schönen Momente und neuen Menschen, denen ich in diesem Jahr begegnet bin. Dankbar für jede süße und bittere Erfahrung. 

 

Ich liebe diese Fahrten - egal ob mit Zug oder Bus. Die Landschaft, die an einem vorüberzieht, die neuen Leute, die man unterwegs kennen lernt, die Zeit zu lesen und seinen Gedanken nachzuhängen. Was war das nur für ein aufregendes Jahr. Mal abgesehen davon, was alles Verrücktes auf der Welt und auch schreckliches um uns herum passiert ist - es war in jeder Hinsicht ein prägendes Jahr, das viel zu schnell verging. 

Nun steht schon Weihnachten vor der Tür und während ich hinaus zu den Feldern schaue denke ich dabei, wie schade es doch ist, auch dieses Jahr wieder keinen Schnee an Weihnachten zu haben. Wenn das so weiter geht, wächst eine ganze Generation heran, die "weiße Weihnachten" nur noch aus dem Fernsehen kennt. 

Das ist jetzt kein Weltuntergang, klar, aber trotzdem irgendwie ein entzauberndes Gefühl, wenn ich an meine Kindheit mit Schneeballschlachten und Schlittenfahrten denke. 

 

Ich glaube der Gedanke an die Kindheit weckt genau dasselbe Gefühl in einem, wie der Gedanke nach der Heimat. Wie sagt man so schön: Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl. Den Satz kann ich wirklich unterstreichen. Am Ende überwiegt immer das Gefühl - und das sagt mir, es ist noch ein langer Weg zum Ziel.

Aber was für ein Ziel ist es? Wohin führt mich mein Weg? Hab ich überhaupt einen Weg? 

So viele Wünsche, Pläne und Sehnsüchte jagen mir Tag für Tag durch den Kopf. Wann bin ich wirklich zufrieden und glücklich? 

 

Ich lege meine Kopfhörer in die Ohren und spiele ein wenig Musik ab, wobei ich für einen Moment meine Augen schließe. Mit Musik tauche ich mit meinen Gedanken immer weitaus tiefer in meine Vergangenheit ein und erinnere mich manchmal an Dinge zurück, die mir ohne einer Melodie wahrscheinlich nur sehr schwer eingefallen wären. Vieles hat mich stark gemacht, manches aber auch abgestumpft. Und während ich diese Dinge zurückdenke, komme ich letztendlich wieder in der Gegenwart an. 

 

Vielleicht kann die Frage nach dem glücklich sein nie wirklich zufriedenstellend beantwortet werden.

Glück - das ist manchmal so etwas Zerbrechliches. So zerbrechlich, dass ich es gar nicht anfassen möchte. Oft ist es nur ein Moment für mich, den man liebsten festhalten und nie mehr loslassen möchte, weil man sonst traurig ist, wenn er vorbei ist. Ich spüre, dass dieser Zauber des Zufriendeseins spätestens beginnen wird tz verfliegen, wenn die Wohnungstür hinter mir ins Schloss gefallen ist und ich anfange meine Reisetasche vom Wochenende auszupacken. Es wirkt schwer und ich fühle mich nicht wohl. Es wird Zeit für etwas Neues – eine Veränderung! Denn ich will mir nicht länger etwas vormachen – die Wahrheit ist: ich bin nicht zufrieden so wie es ist. Das ist freilich nicht schön, aber vollkommen in Ordnung sich einzugestehen. Und die Wahrheit ist, ich muss weiter meinen Weg gehen, um etwas daran zu ändern. 

 

Ich öffne meine Augen und merke, dass der Bus bereits kurz vor Endstation ist. Draußen ist es bereits dunkel und die Weihnachtsbeleuchtung der Stadt funkelt mir entgegen. Nach über zwei Stunden Fahrt bin ich froh aus dem Bus zu steigen. Während ich meine Sachen zusammenpacke, dass ich den Entschluss noch nicht gleich in meine Wohnung zu fahren. Auch wenn ich morgen wieder früh aus dem Bett muss, mein Verlangen noch heute etwas zu erleben ist stärker als alles andere. Auch wenn ich allein unterwegs, egal, ich will dieses Gefühl nicht verlieren. Dieses Gefühl die Welt umarmen zu wollen. Es gibt keine Fesseln mehr, keine Ängste und Gedanken, die mich niederdrücken, keine Selbstzweifel. Ich fühle mich bereit das schöne Unbekannte da draußen zu entdecken ... 

 

Die Busfahrerin wünscht allen aussteigenden Fahrgästen einen schönen Abend und eine gute Weiterreise. Ich steige als einer der Letzten aus und stimme ihr in meinen Gedanken zu: ja, die Reise geht weiter - und auch die Suche. Die Suche nach mir selbst. 

 



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Kommentare: 1
  • #1

    Wolfgang Trinks (Samstag, 24 Dezember 2016 16:50)

    Lieber Marco,
    zunächst: Ich finde Deinen Blog höchst interessant, wenngleich auch ein bisschen "streitbar" ... Das beginnt bereits mit einem Deiner ersten Sätze - "Warten und dabei Geld verdienen in einem Job, der ohne jegliche Bedeutung für mich ist. Und das nur, um irgendwie über die Runden zu kommen." Wenig später schreibst Du allerdings von einer Chance, Deiner Berufung wieder nachgehen zu können.

    Es klingt, als wärest Du nicht wirklich mit dem, was Dich treibt zufrieden. Ansonsten hast Du sehr schön und bildhaft geschrieben. Ich kann mich gut in Deine Gedanken reinfühlen - Du hast wirklich ein gut ausgeprägtes Talent zum Schreiben ... was für mich maßgebend ist: Du bist und wirkst sehr authentisch ... :-)

    Sei herzlichst gegrüßt von
    Wolfgang Trinks
    aus dem Bayerischen Wald