Zwiespalt

 - Eine persönliche Rezension zur Inszenierung " TERROR "  im Dresdener Schauspielhaus -

 

Es ist schone eine geraume Zeit her, dass mich ein Theaterstück so richtig gepackt hat und mich auch Wochen nach der Vorstellung noch sehr mit dem Thema beschäftigen ließ. 

Unter der Regie von Filmschauspieler Burghart Klaußner, der im Stück selbst in der Rolle eines typisch deutschen Richters fungiert, sah ich im März das Gerichtsdrama mit dem Titel "Terror", welches aus der Feder von Ferdinand von Schirach stammt. 

Das Stück sorgte bereits vor ein paar Monaten als Spielfilm im ARD Fernsehen für großes Aufsehen und Interesse. Aktuell ist das Stück auch an vielen anderen Theaterhäusern im Programm. Ich persönlich habe weder das Stück gelesen, noch das TV-Experiment gesehen und habe mich, ohne jeglichen Vorbehalt, auf den Weg ins Schauspielhaus gemacht. 

 

Schon im Foyer spürte man eine besondere Atmosphäre. Zwei uniformierte Polizisten gingen durch die wartende Besuchermenge. Da es Montagabend war und man von draußen bereits die allwöchentliche Montagsdemonstration auf dem Theaterplatz hören konnte, nahmen außer mir auch viele Andere an, die beiden Polizisten wären zu unserem Schutz anwesend. Dieses Gefühl verstärkte sich noch, als man durch die Fenster der Eingangstüren blickend, den Menschenzug von PEGIDA vorbeiziehen sah. Erst im Theatersaal bemerkte ich, dass die Polizisten doch nur als Statisten fungierten um das Gefühl zu verstärken, einer Gerichtsverhandlung beizuwohnen. 

 

Und in der der Tat: je länger man das Bühnenbild, einen schlichten, modern gehaltenen Sitzungssaal,

betrachtete, umso mehr fühlte man sich in einem Gerichtssaal. Eine Stenotypistin saß bereits schon auf ihrem Platz, neben dem noch leeren Richterstuhl. Und noch während der Saal sich füllte, trat auch schon die Staatsanwältin mit Aktentasche und Laptop auf die Bühne und bereitete sich vor.  Die Türen schlossen sich, die übrigen Beteiligten nahmen ihre Plätze im Saal ein, der ehrenwerte Richter tritt auf: bedächtige Stille.

Sofort erheben sich alle Zuschauer von Ihren Plätzen. Doch Burghart Klaußner sprach zu Beginn noch nicht in der Rolle des Richters zu uns. Viel mehr als als Regisseur oder Privatmann und schwor das Publikum ein, alles was man bisher über das Thema gesehen, gelesen oder gehört hat zu vergessen, um sich so neutral wie möglich, voll und ganz auf die folgende Verhandlung einzulassen. Den heute Abend waren ich und die vierhundert Theaterbesucher nicht nur Zuschauer sondern Schöffen des Gerichts die am Ende per Hammelsprung

ein Urteil zu fällen hatten.

 

Worum ging es? Ein Passagierflugzeug wird entführt, ein Terrorist will es über dem ausverkauften Münchner Fußballstadion zum Absturz bringen. Der Kampfjetpilot, Lars Koch, schießt die Maschine gegen den ausdrücklichen Befehl seiner Vorgesetzten ab, um die 70.000 Menschen im Stadion zu retten.

Dabei sterben jedoch alle 164 Personen an Bord des Flugzeuges. 

 

Es beginnen zwei Stunden die es in sich haben! Neben den hitzigen Plädoyers der Anwälte und Aussagen zweier Zeugen, einmal General und Vorgesetzter des Angeklagten und die Frau eines getöteten Passagiers und Familienvaters, wurde mir Stück für Stück bewusst, welche Tragweite diese menschliche Tragödie und schwere Thematik auf unsere aktuelle Gesellschaft hat. Die Kernfrage war schnell klar: Darf ein Menschenleben gegen ein Anderes abgewogen werden? "Nein!" , würde man sofort sagen. Doch dieser fiktive Fall lässt dieses 

"Nein" sehr schnell für sich selbst in Frage stellen. 

 

Während es zu Beginn noch einige Momente des Schmunzelns gab, aufgrund einiger charmanten und spitzfindigen Bemerkungen des Richters und der Verteidigung, wurde die Stimmung im Saal zunehmend beklemmender als man der dramatischen Aussage der Witwe im Zeugenstand und den detaillierten Ausführungen des Angeklagten Piloten, zum Geschehen, folgte. Viele Augen weiteten sich als die Witwe den jungen Kampfpiloten nicht als Held sondern als Mörder bezeichnete und Tränen waren zu sehen, als sie davon erzählte das nichts von ihrem Manne, bis auf einen gefunden Schuh aus den Trümmern, geblieben ist.

Einen Schuh den sie beerdigte ...

 

Mir wurde klar, dass diese Inszenierung nicht nur durch die Darstellung allein lebte, sondern ganz besonders durch die Reaktionen der Zuschauer, die sich, je näher der Moment heranrückte, sich zur "Beratung"

draußen im Foyer zurückzuziehen, ihrer Verantwortung bewusster wurden.

Ein ganz besonderer Schlüsselmoment im Stück ist die kritische Nachfrage der Staatsanwältin, warum niemand der Verantwortlichen aus Politik und Militär die Evakuierung des Stadions veranlasst hatte. 

Doch wie so oft im realen Leben, blieb man uns eine Antwort auf diese Frage schuldig. 

 

Soldat zu sein, dass wurde jedem deutlich vor Augen geführt, bedeutet auch Täter oder Opfer zu sein. 

Seinen Eid erfüllen, Befehle ausführen und dabei die Würde des Menschen nicht zu missachten - ein Widerspruch in sich, dieser auch ein deutsches Grundgesetz nicht auflösen kann. Der Angeklagte war 

in dieser extremen Ausnahmesituation im Zwiespalt mit sich selbst, musste jedoch schnell handeln

und entschied sich am Ende für das sogenannte "kleinere Übel" - es klingt zynisch, macht jedoch deutlich in welchem menschlichen Dilemma sich unser Staat gesetzlich befindet - indem wir uns Alle befanden. 

Wie der Angeklagte selbst fühlte ich mich plötzlich zwischen den Stühlen gefangen. 

 

Die Zeit war gekommen zu entscheiden. Für zwanzig Minuten wurden die Türen geöffnet und die Besucher strömten zurück ins Foyer bei einem Gläschen Wein und Schnittchen. Ich stellte mich an einen der Tische und unterhielt mich mit einem älteren Herren, der ebenfalls ohne Begleitung war wie ich, über das Geschehene. 

"Es ist eine Gewissensfrage.", sagte er mir. "Ich überlege ob ich mich enthallten werde." 

Während der Pause beobachtete ich die Leute, die sich zum Teil hitzig (ein Ehepaar sogar fasst im Streit), zum Teil auch verhalten über die Verhandlung unterhielten. Andere wiederum schwiegen sich an oder redeten über andere Themen. Schließlich traf auch ich eine Entscheidung und stellte mich vor die beiden Eingangstüren, eine Tür für "Schuldig" die andere für "Unschuldig". Zurück an meinem Platz wartete ich gespannt auf das Ergebnis, den Blick regelmäßig zu den Türen gewandt, um für mich abschätzen zu können wie viele der Anwesenden sich für Schuldig oder nicht schuldig entschieden haben. Die Anspannung im Saal war greifbar. 

 

Der Richter und alle übrigen Anwesenden betreten erneut die Bühne. Wir Schöffen erheben uns für die Urteilsverkündung: 

 

Schuldig = 200 Stimmen

Nicht schuldig  = 206 Stimmen 

 

Ein Ergebnis, dass nicht knapper hätte ausfallen können. Die Darsteller erstarren zum Abschluss in einem Stillbild und verharren für mehrere Minuten in der Kulisse, während unter Orchestermusik langsam das Licht erlischt. Langanhaltender Applaus - keine Frage, schauspielerisch eine Spitzenleistung. In mir macht sich ein Gefühl der Erleichterung breit. Eine schwierige Entscheidung - eine Gewissensentscheidung die von jedem abverlangt wurde. Als ich als einer der Ersten aus dem Saal trete, sehe ich den Mann aus der Pause allein auf einer Bank im Foyer sitzen. Wie es scheint ist er nicht nach der Pause zurück in den Saal gegangen und hat sich tatsächlich enthalten. "Und? Was wurde entschieden?", fragte er mich und ich sagte es ihm. Er schien damit zufrieden zu sein und wir wünschten uns noch einen schönen Abend. 

 

Draußen entschloss ich mich gegen die Straßenbahn und ging zu Fuß. Auf dem Nachhauseweg gingen mir noch viele Fragen durch den Kopf. Ist es richtig die Menschen, auch wenn es nur für einen Theaterbesuch ist, Richter spielen zu lassen? Oder ist es vielmehr nur eine Möglichkeit gewesen, als Zuschauer aktiv moralisch Stellung zu beziehen? Wie stark hat dieser fiktive Prozess die Zuschauer gespalten? 

War meine Entscheidung richtig? Gibt es überhaupt ein richtig oder falsch in dieser Geschichte? 

 

Was ist Eure Meinung dazu? Ich freue mich auf Eure Kommentare. 

 

 

 

Alle Abstimmungsergebnisse der Zuschauer zu alles bundesweiten Aufführungen von "Terror" sind unter folgendem Link einsehbar: Übersicht der bisherigen Urteilsverkündungen 

 

Für alle die dieses außergewöhnliche Stück noch einmal sehen möchten:  Letzter Spieltermin in Dresden !!! 

 

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